Eingesunken in meine zwei Schaumstoffmatratzen fühle ich mich wie in einer Badewanne. Noch einmal umdrehen, dann mache ich die Augen auf. Es ist relativ dunkel in meinem Zimmer und ich donner mit dem Kopf gegen das Bett über mir, als ich aufstehen will. Leise öffne ich die Tür zum Gruppenraum – es ist, wie erwartet, noch niemand wach. Bernd schläft noch tief und fest und bei Stefan und Barry ist auch noch nichts zu hören. Ich gehe einen Moment vor die Tür, die kühle klare Luft durchströmt meine Lunge und lässt mich schnell richtig wach werden. Ich glaube auf das morgendliche Bad verzichte ich aber, Katzenwäsche muss reichen.

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Als ich fertig bin, sind auch alle anderen wach und wir frühstücken gemeinsam. Alle ergänzen ihr Porridge mit der Trockenobst-Erdnuss Mischung, die wir hier gefunden haben, ich mische direkt noch etwas zu einer weiteren Ration dazu. Wir machen noch ein gemeinsames Foto mit Barry, bevor er los geht, dann packen wir zusammen und verlassen um 8:30 Uhr das Kanucenter. Am Himmel sind ein paar vereinzelte Wolken, aber insgesamt sieht es sehr gut aus. Besser, als der Wetterbericht uns vor vier Tagen vorausgesagt hat. An einen neuen Wetterbericht kommen wir nicht, aber meine Uhr zeigt den Luftdruck an, dieser liegt über 1000 hpa, sollte also eigentlich ganz gut bleiben.

Nach kurzer Zeit drehe ich mich um, um ein Foto zu machen. „Leute, ich glaube ich sehe ein Kanu!“ Etwas versteckt in einer kleinen Bucht sehe ich etwas in der Sonne glänzen. Wir sind uns einig: das muss ein Kanu sein. Aufgeregt kämpfen wir uns ans Ufer. Und es ist nicht nur ein Kanu, es ist ein neues Kanu, mit zwei Paddeln und drei Schwimmwesten. Wie für uns gemacht. Wir können es kaum fassen. Euphorisch packen wir unsere Sachen ins Kanu, ziehen die Regenjacken und die Schwimmwesten über, dann schieben wir das Kanu gemeinsam ins Wasser. Etwas mulmig ist mir schon zumute, der Wind bläst noch ganz ordentlich und schlägt Wellen auf dem eiskalten See. Wenn wir kentern, ist unsere komplette Ausrüstung pitschenass und wir vermutlich mehr als durchgefroren. Aber der Wind kommt immerhin von hinten, das macht es etwas einfacher.

Bernd hat die meiste Erfahrung mit Kanus und auch er ist angespannt, besonders wenn die Wellen seitlich kommen steigt das Stresslevel. Nach kurzer Zeit haben die beiden sich eingespielt, ich sitze in der Mitte und genieße es, mich chauffieren zu lassen. Wir sind richtig schnell unterwegs und irgendwann sehen wir Barry am Ufer, er winkt uns noch zu, verschwindet aber dann im Fjell. Nach ca. vier Kilometern erreichen wir das Ende des Sees, wo noch weitere Kanus liegen. Und die sehen zum Teil wirklich abenteuerlich aus: zerbeult und mit Panzertape geflickt. Wir legen Paddel und Westen in das Kanu, bevor wir es umgedreht neben die anderen legen, damit es nicht voll läuft oder weggespült werden kann und lassen etwas die Füße trocknen. Das hat mega Spaß gemacht und wir freuen uns riesig, so viel Strecke sitzend zurückgelegt zu haben.

Wir lassen den See hinter uns und irgendwie sieht die Landschaft ohne Wasser in Sichtweite noch viel wilder aus. stellenweise ist es wieder etwas sumpfig, aber wir kommen ganz gut voran. Es geht leicht bergauf und als sich nach einer weiten Kurve vor uns das Tal öffnet, sind wir alle geflasht von der Aussicht: Wir blicken auf einen riesigen See, rechts und links die felsigen Berge und eine schier endlose Weite. Es ist traumhaft. Wir gehen hinunter in das Tal, hier ist es wieder sehr sumpfig. Und das erste Mal kommt uns jemand entgegen: Mutter und Sohn, aus Deutschland. Wir tauschen uns über die Wegbeschaffenheit aus und die beiden freuen sich auf die Kanus, eventuell wollen sie sogar bis zur Katiffik-Hütte damit fahren. Ich würde gerne wissen, ob sie das tatsächlich geschafft haben.

Es geht kurz bergauf, bevor es dann relativ steil bergab geht. Unten erwartet uns ein Strand, an dem wir unsere Mittagspause machen wollen. Barry hat uns drei Packungen Rührei gegeben, da er, bedingt durch verspätetes Gepäck bei der Ankunft, mehrere Doppeletappen gehen wird und somit für mehrere Tage zu viel Essen dabei hatte. Wir freuen uns auf die richtige Mahlzeit. Zwischendurch gibt es auch noch ziemlich viele Blaubeeren. Guter Tag. Als wir unten ankommen, sitzt Barry sogar dort. Der Strand ist wirklich schön, viel breiter als die, die wir zuvor gesehen haben. Ich ziehe das nasse T-Shirt aus und hänge es zum trocknen in den Wind. Es sind 14°C, aber so geschwitzt ist es doch recht kalt mit dem Wind und wir ziehen alle etwas warmes über. Dennoch stecke ich die beanspruchten Füße ins Wasser und verarzte danach die Blasen, die ich mir (natürlich) gelaufen habe. Barry verabschiedet sich erneut von uns, wir machen uns noch das Essen fertig. Das Rührei ist mehr ein Brei und ich zwinge ihn in mich hinein, danach ist mir etwas schlecht. Vermutlich zu viel Wasser drin. Laut Packungsangabe hätte man das sogar noch anbraten sollen. Naja, ich bin trotzdem froh, etwas im Bauch zu haben und die extra Kalorien kann ich bei dem bevorstehenden Anstieg vermutlich gut gebrauchen. Vor uns liegen noch gute zehn Kilometer.

Bevor es hoch geht, müssen wir zunächst über eine ziemlich sumpfige Wiese. Und dann geht’s bergauf. Es ist steil und der Weg ist schmal und steinig. Volle Konzentration. Nach einem Kilometer haben wir fast 100 Höhenmeter überwunden und der Strand sieht ganz schön winzig aus. Und jetzt wird es noch viel steiler. Wir schnaufen ganz schön und wissen: hier muss jeder Schritt sitzen. Und auf einmal stehe ich vor einer Stufe, die mehr als kniehoch ist. Verzweifelt versuche ich festen Halt unter meinem Fuß zu finden, aber als ich endlich einen sicheren Standpunt gefunden habe weiß ich, dass ich einfach nicht mehr genug Kraft in den Beinen habe, um mich mit dem Rucksack hochzudrücken. Ich suche nach einer anderen Möglichkeit, aber traue meinen Beinen einfach nicht mehr. „Ich schaffe das nicht“ presse ich panisch raus. In dem Moment ruft Bernd von hinten: „Stefan, Lara braucht Hilfe!“ Stefan kommt zurück und zieht mich hoch. Die Verzweiflung wird durch Dankbarkeit abgelöst, ich bin so froh, dass ich mich so sehr auf die beiden Verlassen kann. nachdem das schlimmste Stück geschafft ist, machen wir eine Pause. Und jetzt raubt mir nicht nur die Anstrengung den Atem, die Aussicht war die Mühe wert. Es ist super windig und wir ziehen uns warm an, ich brauche einen Müsliriegel und wir können schon wieder lachen.

Noch ein kleiner Aufstieg, dann sind wir oben. Dachten wir. Erstmal geht es hoch, dann wieder runter. Hier oben gibt es viele kleine Schmelzwasserseen und die Felsen glitzern in der Sonne. Und dann sehen wir den nächsten Aufstieg vor uns. Nein. Einfach nein. Es geht nochmal 100 m rauf. Dann geht es etwas bergab und wir suchen uns einen geschützten Platz an einem der kleinen Seen, machen nochmal Pause und füllen die Wasserflaschen wieder auf. Ich liege auf dem Boden und beobachte die Wolken, am liebsten würde ich hier mein Zelt aufbauen und den Tag beenden. 20 % Steigung sind mit Rucksack zu viel für mich gewesen. Wir lümmeln rum, genießen mal wieder die Ruhe um uns herum.

Irgendwann drängt Bernd, dass wir weiter müssen. Und ich weiß, dass er Recht hat, also wird der Rucksack geschultert und es geht weiter. Der nächste Aufstieg ist zum Glück nicht mehr so steil und lässt sich gut laufen. Und es ist auch der letzte für heute. Die letzten zwei Kilometer zur Ikkatooq Hütte geht es fast nur noch bergab. Also, ein bisschen bergauf geht es zwischendurch schon noch, aber nach diesem Höllenaufstieg ist das echt nur noch ein Spaziergang. Als wir die Hütte irgendwann sehen, sind Kraft und Motivation weg. Es ist schon spät und die Hütte scheint ewig weit weg zu sein. Es fängt an zu tröpfeln.

40 Minuten später erreichen wir die kleine Hütte. Viertel nach sieben, meine Güte, elf Stunden haben wir für die 20 km und 600 hm gebraucht. Schon von außen sehen wir Barrys Schlafsack am Fenster. Ihm tun die Beine genauso weh wie uns. Die Hütte bietet sieben Schlafmöglichkeiten, aber eigentlich ist es hier zu viert schon ziemlich voll. Ein Klohäuschen gibt es nicht, auch keinen Müllcontainer und das sieht man leider auch. Um die Hütte herum liegt sehr viel Müll und Toilettenpapier, nicht schön. Ein Schneehase hoppelt herum, ich finde die s putzig. Bernd holt noch mit dem Wasserkanister der Hütte frisches Wasser aus dem See, dann kochen wir und trinken den obligatorischen Ingwertee. Mittlerweile ist der Regen auch etwas stärker geworden und die Temperatur ist ganz schön gefallen. Wir unterhalten uns noch etwas, aber um halb zehn hat jeder die Augen zu.

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