Um 5:15 Uhr klingelt der Wecker. Frühstücken, die restlichen Sachen packen, das Gepäck, was ich nicht brauche im Hostel verstauen und dann ist mein Uber schon da und bringt mich pünktlich zum Busbahnhof. Um 6:45 Uhr geht der Bus nach Torres del Paine!

Etwas verloren stehe ich inmitten vieler Menschen am Bahnhof. Es ist kalt und ich habe noch nicht ganz verstanden, an welchem Steig der Bus kommt. Ein Reisebus nach dem nächsten trudelt ein. Auf der Anzeige stehen Abfahrtszeiten. 7:00 Uhr, 7:15 Uhr… aber nichts mit 6:45 Uhr. Während sich die Busse füllen, werde ich langsam nervös. Immerhin bin ich nicht die einzige, die auf diesen Bus wartet. Ich kämpfe mich zu einem Bus nach vorne und frage nach. Ganz links. Ich gebe den Jungs, die mit mir gewartet haben, ein Zeichen, dass sie mir folgen sollen. Sicherheitshalber frage ich nochmal nach und stelle fest: es ist der richtige Bus. Das Gepäck ist schnell verladen und ich freue mich, dass mit meiner Sitzplatzreservierung alles geklappt hat. Das Handy wird nochmal zum Laden angesteckt.

Die Fahrt dauert 2,5 Stunden und als wir die Station am Lago Sermiento erreichen, steigen zwei Ranger hinzu und kontrollieren die Eintrittskarten für den Nationalpark. Kurz darauf erreichen wir endlich Laguna Amarga. Ich sende noch schnell eine letzte Nachricht nach zuhause, solange ich noch das W-Lan vom Bus nutzen kann. Empfang gibt es nämlich keinen. Von hier fahren Shuttle Busse zum Welcome Center, die man nur bar bezahlen kann (7.500 CLP). Die Kälte trifft mich wie ein Schlag – und ich bin heilfroh, gleich wieder im Bus zu sitzen. Die Aufregung steigt.

Welcome Center

Die Fahrt mit dem Shuttlebus geht schnell und dann stehe ich warm eingepackt am Welcome Center. Kurz zum Klo, dann stelle ich mich in die Schlange am Schalter. Das Welcome Center hat einige Souvenirs, warme und kalte Snacks und Getränke anzubieten. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt noch irgendwas ausfüllen muss und sehe immer mehr Menschen einfach losgehen. Also mache ich das auch.

Vom Gefühl her müsste ich rechts den Berg hoch, aber da ist kein Weg markiert. Also folge ich einfach mal den anderen Leuten. Eine ältere Dame ist genauso verwirrt wie ich, aber wir gehen erstmal weiter. Ein Reiter treibt eine kleine Herde Pferde an uns vorbei. Mein Herz hüpft. Und dann gibt es endlich auch Wegweiser. Ich biege nach rechts ab. Séron, ich komme!

Naja, langsam. Es geht leicht bergauf und mir wird sehr schnell warm. Zu warm. Vor mir bleiben zwei Leute stehen um sich Ihre Jacken auszuziehen, mit strahlend weißen Rucksäcken. Ich schmunzel etwas über die Farbwahl, die bleiben sicherlich nicht lange weiß. Ich mache ebenso halt und ziehe meine Jacke aus, die Truppe um die Dame, die mit mir den Weg gesucht hat, ebenso. Wir lachen über unser Tempo und die Wahl unserer Kleidung. Das kann ja heiter werden.

Schmale Pfade und die ersten Verirrungen

Anfangs bin ich skeptisch, ob mir der Weg gefällt: zu breit, zu viel Schotter, zu viele Menschen. Doch nach kurzer Zeit macht sich Wohlgefallen breit. Der Weg ist nur noch ein schmaler Trampelpfad und ich stehe Hüfthoch im Gebüsch. Die beiden mit den weißen Rucksäcken sind schon fast außer Sichtweite und ich suche mir meinen Weg hinterher. Nach dem ersten kleinen, aber steilen Anstieg kommen auf einmal Leute von rechts dazu. Wo sind die denn hergegangen?

Der Weg wird wieder breiter uns führt sanft ansteigend durch einen sehr urigen Wald, dann öffnet sich der Wald und der Blick wir frei auf die endlosen weiten Patagoniens. Vor mir steht ein Typ und saugt die Landschaft genauso in sich auf wie ich, wir machen gegenseitig ein paar Fotos. Glückselig gehe ich weiter und bleibe an einem kleinen Platz auf einer Anhöhe nochmal stehen. Im Tal glitzert ein Fluss in der Sonne und ich nutze die Gelegenheit, eine kleine Müsliriegel Pause zu machen. Der Typ von eben überholt mich wieder, ein warmes Lächeln, dann bin ich wieder allein. Und mehr als zufrieden.

Das Wetter ist erstaunlich gut und ich schwitze unerstaunlich viel und beschließe im T-Shirt weiterzugehen. Im Baum neben mir entdecke ich das erste wildlife Highlight: den Magellanspecht (magellic woodpecker) mit seinem auffällig leuchtend roten Kopf, er ist der größte Specht Südamerikas und lebt in den südlichen Buchenwäldern (Nothofagus) Patagoniens.

Kurz darauf prescht eine kleine Reitergruppe an mir vorbei. Während sie die Zeit ihres Lebens hat, ist ihm ganz klar anzusehen, dass er das nur aus Liebe zu ihr macht. Natürlich ist noch ein Guide dabei, routiniert, entspannt. Und noch jemand, den ich so schnell nicht zuordnen konnte. Ein bisschen wehmütig bin ich schon, auf dem Pferderücken ist das bestimmt auch ein tolles Erlebnis. Und man muss nicht laufen. Und sein Gepäck nicht tragen.

Erstaunlicherweise werde ich nicht nur von Pferden überholt, sondern auch von einem Quad mit Anhänger, der mit Rucksäcken beladen ist. Von einem Gepäcktransport habe ich nichts gelesen und der kann unmöglich den ganzen O-Trail befahren, aber der Teil hier ist eigentlich Einbahnstraße. Merkwürdig.

Die Bäume werden weniger, die Aussicht besser. Vor mir sind die ersten Schneebedeckten Berge zu sehen, der Fluss zieht sich malerisch durch das Tal und auch die Sonne hat sich endgültig Ihren Weg durch die Wolken gekämpft. Es geht leicht bergab, ich habe schon wieder ein kleines Hüngerchen und will mir diese Aussicht einfach nicht entgehen lassen, also suche ich mir etwas Abseits vom Weg eine schöne Stelle und mache es mir gemütlich. Die wenigen anderen Wandernden nehmen mich gar nicht wahr. Breits nach diesen wenigen Stunden fühle ich bereits die innere Ruhe und Zufriedenheit, die ich nur bei Mehrtagestouren finde. Die Ruhe, in der ich loslassen kann, in der sich alles leicht und frei anfühlt.

Wo Flüsse flüstern und Pumas wandern

Im Tal angekmmen, fühle ich mich wie in einer anderen Welt. Der Fluss, der aus der ferne noch romantisch geglitzert hat, liegt ruhig in einem türkisblau vor mir, wie ich es noch nie gesehen habe. Ringsherum Grasebenen wie in einer Steppe, gesäumt von Sträuchern und kleinen Baumgruppen, dahinter die allgegenwärtigen Berge. An Kitsch kaum zu übertreffen. Bis das gezwitscher los geht. Der ganze Baum ist voller Chilenensittiche (auch Patagonien-Sittich genannt). Er ist der südlichste Papagei der Welt – und damit ein ganz besonderes Highlight in Patagoniens Wäldern.

Über den ersten Bach geht es ganz bequem mit einer Brücke, unten am Fluss sehe ich den Typen wieder sitzen, der hat sich ein wirklich schönes Plätzchen ausgesucht. Die Sonne hat nun ganz schön Kraft, aber ich will mich nicht beschweren. Schließlich ist der Rucksack schon schwer genug.

Gemütlich stapfe ich weiter. Dann bleibe ich abrupt stehen. Eine Spur im Boden. Groß. Rund. Schwer. Puma. Mein Herz setzt kurz aus.

Für einen Moment stockt mir der Atem. Begeisterung mischt sich mit einem leisen Kribbeln aus Angst. Irgendwo hier, zwischen den weiten Tälern und ruhigen Flüssen, streift also tatsächlich einer dieser lautlosen Jäger umher. Ich schaue mich um, lausche – nichts als Wind und das Rauschen des Flusses. Und doch fühlt sich plötzlich alles ein Stück wilder an. Als hätte die Landschaft gerade ihr wahres Gesicht gezeigt.

Der Weg führt wieder durch ein kleines Wäldchen und ich erwische mich mehrfach dabei, wie ich mich nervös suchend umschaue. Wo ist der Puma?

Das unbehagen ist schnell verflogen, als ich an diesen unfassbar schönen Fluss ankomme. Ich biege auf einen kleinen Pfad rechts vom Weg ab und setze mich ans Ufer. Ja, schon wieder Pause. Und ja, schon wieder fehlen mir die Worte für das, was vor mir liegt.

Weiter gehts und ich sehe jetzt immer wieder mal Leute, die die Sonne und das faulenzen am Wasser genauso genießen wie ich. Und ganz unerwartet steht auf einmal ein Schild vor mir. Serón. Ich bin schon da.

Serón

Von weitem sehe ich ein paar große weiße Bubble Zelte. Ob das die Premiumzelte sind? Ein paar Meter weiter stehe ich am Campground: Weit, Flach, in einem kleinen Kessel gelegen. Perfekt. Am Hang stehen aufgeständerte Dachzelte, die ersten Zelte werden auf der Wiese aufgebaut, die Sonne strahlt und es ist erst nachmittag. Hätte ich mir mehr Zeit auf dem Weg lassen sollen? Vielleicht. Ich gehe in die kleine Hütte zum einchecken und staune. Irgendwie hatte ich mit etwas anderem gerechnet. nicht so gemütlich Es gibt eine hintergelagerte Küche, das Menü ist handschriftlich mit Kreide an Tafeln geschrieben. Ein paar wenige Tische und Bänke, mit ein paar wenigen Steckdosen. Ein W-Lan Terminal. Beim Checkin benötigt man unbedingt den Reisepass, das hatte ich zum Glück vorher gelesen, sonst wäre es mir vielleicht wie der deutschen Truppe wenig späer gegangen die ihre Pässe beim restlichen Gepäck gelassen hatten und sehr viel Ärger hatten. Obwohl, ich glaube nicht, dass ich meinen Reisepass zurückgelassen hätte, nur um ein paar Gramm zu sparen. Dafür ist ja schon meine Kamera in einem Anflug von Panik aus meinem Rucksack gestrichen worden (ja, das war dumm).

Kurze Zeit später zeigt man mir meinen Platz. Beziehungsweise mein Zelt. Ich war fest davon überzeugt, in meinem eigenen Zelt zu nächtigen. Etwas verwirrt aber glücklich klettere ich kurz darauf in das Dachzelt und freue mich über den Komfort und den Platz. Und da das Wetter so schön ist, beschließe ich, beim duschen direkt die Haare zu waschen (wenn es kalt ist lasse ich die garantiert nicht nass) und mein Tshirt und die Socken zu waschen. You never know wie oft die Bedingungen noch so gut sind.

Dann kaufe ich mir eine Dose Cola und eine kleine Türe Chips und setze mich mit meinem Reisetagebuch an den Tisch vor der Hütte in die Sonne. In langer Unterwäsche, Thermorock, Wollsocken und Sandalen. Sehr sexy. Bald sehe ich die ersten bereits bekannten Gesichter und lande in einer lustigen Runde älterer Australier, die ich schon am Welcome Center getroffen habe. Meine Wollsocken sind der Hit. Sie werden im Laufe der nächsten Tage einer meiner liebsten Anlaufpunkte für Smalltalk, deeptalk, zum Luftholen auf der Strecke und ärztliche Beratung werden. Als die drei ihren Essenstimeslot haben (Fullboard), gehe ich in das Kochzelt und mache mir mein Abendessen. Das Zelt ist eher spartanisch und ziemlich dunkel. Ich hänge meine Sachen, die ich zum trocknen ans Zelt gehängt habe ab und liege im Zelt, bevor es dunkel wird.

Mehr Infos zur Austtattung der Campingplätze auf dem O-Trail findest du hier!

Was ich außer Wollsocken und langer Unterhose sonst noch so mit hatte

Categories:

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über Bonvoylara

Hier findest du Reiseberichte über kleine und große Abenteuer – egal ob in der Natur oder in der Stadt sowie Tipps zu Verpflegung unterwegs.

Trink nen Tee mit mir

Cookie Consent mit Real Cookie Banner