Um 7:00 Uhr klingelt der Wecker, ein schneller Blick aus dem Zelt verspricht grandioses Wetter. Schnell ziehe ich mich an und schlüpfe aus meinem Dachzelt, den Sonnenaufgang habe ich knapp verpasst, dennoch ist das Licht einfach toll. Ich mache ein paar Fotos, während ein Stolz in mir aufsteigt, dass ich diesen Moment gerade selbst erleben darf, dann schnappe ich mir meinen Gaskocher und marschiere in das Kochzelt. Der Wind beißt in meine Wangen, während das Kochzelt noch dunkel und feucht riecht, nach nassem Boden und verbranntem Gaskocher. Zum Frühstück gibt es Apfel-Zimt-Porridge mit getrockneten Himbeeren, die mir meine Schwester bei meinem letzten Krankenhausaufenthalt geschenkt hat. Wer hätte gedacht, dass die es bis nach Patagonien schaffen?

Ich lasse mir Zeit und genieße einen langsamen Start in den Morgen, staube noch ein paar kleine Snacks von den Leuten ab, die ein Lunch-Paket gebucht haben, biete einer jungen Mitwanderin meine Sonnencreme an, da sie schon jetzt einen argen Sonnenbrand hat. Wir unterhalten uns kurz, dann starte ich gegen 9.00 Uhr alleine in Richtung Dickson.

Der Weg folgt erst noch ein bisschen dem Fluss, dann geht es hoch. Der Rucksack fühlt sich auf einmal unfassbar schwer an und als ich etwa die Hälfte des Anstiegs hinter mir habe, brauche ich eine Verschnaufpause und einen Müsliriegel. Bin ich wirklich so unfit? Jeder Schritt nach oben fühlt sich an wie ein Kampf und ich frage mich, ob meine Beine morgen noch funktionieren werden. Aber der Ausblick lockt mich weiter. Ein Typ, den ich bisher noch nicht gesehen habe, erreicht das Plateau kurz nach mir. Er sieht auch ziemlich fertig aus, das macht mir ein bisschen Hoffnung. Sein Englisch ist nicht so gut und ich bin mir nicht sicher, ob er mich versteht und er geht schnell weiter. Ich kämpfe mich weiter bergauf. Oben angekommen, schlägt mir der Wind ins Gesicht, ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mich am Abend erwarten wird. Ich ziehe meine Jacke und das Stirnband an, in dem Moment entdecke ich eine Brille auf dem Weg. Vorsichtig stecke ich sie in das Deckelfach meines Rucksacks, vielleicht finde ich ja den Besitzer.

Natürlich geht es auch wieder runter, wie sollte es auch anders sein. Langsam zieht sich der Weg den Hang entlang. Unten finde ich eine schöne windgeschützte Stelle für eine Pause, mit großen Steinen zum anlehnen. Ich ziehe die Schuhe aus, das steile bergauf gehen hat meine Füße leider nicht ohne Blase davonkommen lassen. Während ich meinen Fuß verarzte, kommt ein etwas älterer Mann auf mich zugestürmt und fragt, was passiert ist und ob ich Hilfe benötige. Sehr süß. Ich bin dankbar für die Hilfsbereitschaft und versichere ihm, dass es nur eine blöde Blase ist und ich bestens versorgt bin. Während meine Füße auslüften, esse ich ein Stück Käse (muss weg, viel zu schwer), dann geht´s relativ entspannt weiter. Mir kommt eine junge Frau entgegen. Haben die Ranger sie wohl zurückgeschickt?

Coirón

Kurz vor der Rangerstation Coirón sind viele Schilder mit Bezeichnungen der Pflanzen. An der Station ist ordentlich was los: Passkontrolle, Buchungskontrolle, eintragen in das Trailbuch. Ich frage, ob ich einen Aufkleber an das Plexiglas anbringen dann und freue mich, dass ich mich verewigen darf, dann setze ich mich zu ein paar Leuten an einen der Tische, und esse einen Proteinriegel. Brownie-Kokos. lecker. Es gibt Trockentoiletten und die Möglichkeit, seine Wasserflaschen aufzufüllen. Alle stellen sich die gleichen Fragen: Woher kommst du, geht´s dir gut, hast du Spaß?

Nach der Station wird die Landschaft weiter, die Sonne wärmer, der Wind weniger. Auf einer weiten Ebene mache ich noch eine Pause, ziehe die Schuhe aus, versuche ein bisschen zu entspannen und die Landschaft zu genießen. Schaue auf den gigantischen Gletscher in der Ferne. Er strahlt in einem blendenden weiß. Das Mädchen mit dem Sonnenbrand, ihr Name ist Lucy, gesellt sich zu mir. Ich will aber lieber weiter.

Die Sonne hat nun ganz schön Kraft und nach einer Weile sehe ich noch eine Alleinreisende unter einem Baum sitzen, setze mich dazu. Wir tauschen ein paar Snacks, dann sehe ich Lucy einige Meter hinter uns nach einem Pausenplatz suchen. Ich winke sie zu uns und so sitzen wir zu dritt unter dem Baum, essen Nüsse und Kekse und klagen über das Gewicht unserer Rucksäcke. Schnell wird mir klar, dass die beiden nicht allzu erfahren sind mit längeren Touren und viel zu viel Zeugs dabei haben. Lucy wirft unsicher einen Blick auf ihren Rucksack und ich spüre sofort, wie sie sich unter der Last ein wenig verliert. Ich frage mich, wie lange sie durchhält. Ihr Rucksack hat noch nichtmals ein richtiges Tragesystem, der riesige Schlafsack baumelt lose herum. Sie geht in dicker Plüschjacke, um ihre Schultern besser zu polstern. Frieda hat zwar schon öfter draußen übernachtet, musste sich aber nie Sorgen um das Gewicht ihres Rucksacks machen, da sie sonst immer nur Wochenendtrips gemacht hat. Mein Rucksack mit seinen ca. 16 kg ist wirklich leicht gegen ihre. Wir beschließen, den Rest des Tages gemeinsam weiter zu wandern und Frieda geht strammes Schrittes über die Holzplanken durch den Wald voran. Obwohl sie ein ganzes Stück kleiner ist als ich, muss ich mich anstrengen, Schritt zu halten. Ich bin aber auch froh, dass jemand da ist, der ein bisschen Tempo rein bringt, ich habe ganz schön viel rumgetrödelt. Wir unterhalten uns gut und die Zeit fliegt auf einmal.

Mir war nicht bewusst, dass es nochmal hoch geht. Zwar kurz, aber Steil. Puh, jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Und dann wird der Ausblick auf einmal phänomenal: Ein großer See liegt vor uns, dahinter ein enormer Gletscher. Erst beim zweiten Mal hinschauen entdecke ich das Camp. Dickson liegt direkt vor uns.

Dickson

Es geht noch steiler runter, als es rauf gegangen ist, dann stehen wir quasi schon auf dem Campingplatz. Etwas mehr als 15 Kilometer, 400 Höhenmeter und fast fünf Stunden Gehzeit liegen hinter uns. Hier sieht es bisschen aus wie im Film: Pferde grasen, es gibt ein paar vereinzelte große Blockhäuser. Wir nehmen erst das falsche, finden aber schnell das richtige um einzuchecken. Dickson ist irgendwie nicht so schön wie erwartet. Es gibt eine winzige Auswahl an Essen in dem Shop, 2 Steckdosen am Empfang, einen Getränkekühlschrank und erstaunlicherweise auch hier W-LAN zu kaufen. Die Duschen sind nicht sonderlich sauber und erst recht nicht schön, aber immerhin halbwegs warm. Das Refugio ist geschlossen, man munkelt wegen Bettwanzen. Dafür stehen unzählige Zelte auf dem Gelände.

Ich finde einen guten Platz am Rand zu den Bäumen gelegen. Richte mich ein, nehme eine Dusche und mache mir dann etwas zu essen. Eigentlich wollte ich hier das erste mal Snacks auffüllen, aber ich habe noch so viel, dass ich das definitv nicht brauche. In dem kleinen Aufenthaltsraum ist viel los, ich entdecke das Mädel, was mir entgegengekommen ist und höre mir Ihre abenteuerliche Geschichte an, auf die ich hier lieber nicht weiter eingehe. Der Typ, den ich am Berg getroffen habe, hat seinen Hut vergessen und will deswegen tatsächlich nochmal zurück nach Seron laufen, um dann wieder her zu kommen. Heute noch. Wahnsinn. Ab jetzt heißt er nur noch „the hat guy“. Mittlerweile kennt man schon die meisten Gesichterund ein paar Namen  und es fällt leichter, sich zu unterhalten. Ich freue mich sehr, als ich die Gruppe mit den älteren Australiern unweit von meinem Zelt entdecke. Sie sind so herzlich.

Es fängt an zu regnen und alle sprinten zu ihren zelten, um die Dinge in Sicherheit zu bringen, die sie zum Trocknen außen befestigt haben. Es ist sowieso schon recht spät, also krieche ich einfach direkt in meinen Schlafsack.

Und dann beginnt es. Regen. Sturm. An schlafen ist nicht zu denken. Was ist, wenn mein Zelt wegfliegt? Ich versuche mich mit dem Wissen zu beruhigen, dass ich ein wirklich windstabiles Zelt habe. Eines der Windstabilsten überhaupt. Trotzdem steigt ein nervöses Pochen in mir auf. Kälte kriecht in meinen Schlafsack, während der Wind an meinem Zelt rüttelt. Mein Herz schlägt schneller. Was, wenn die Heringe einfach nicht halten? Ich habe nur ein paar wenige mit Steinen beschwert, und die sind auch nicht allzu groß. Irgendwann wird der Regen weniger und ich gleite in einen unruhigen Schlaf.

Meine Packliste findest du hier!

Du brauchst mehr Infos zu den Etappen und Camps? Einen kompletten Guide habe ich dir hier zusammengeschrieben.

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