Eigentlich ist heute ein kurzer Tag, aber ich will unbedingt den Sonnenaufgang über dem Lago Dickson an der Grenze zu Argentinien sehen. Also stehe ich um halb sieben auf, schlüpfe schnell in meine warmen Sachen und krieche aus dem Zelt. Ein bisschen enttäuscht stelle ich fest: Kein spektakulärer Sonnenaufgang. Einfach nur ein kalter Morgen. Ich suche den Pfad zum See und spaziere in meinen Sandalen über den kalten Kies. Außer mir ist nur noch eine weitere Person hier, der Typ mit dem weißen Rucksack. Ein verstohlenes Lächeln. Niemand will dem anderen diesen ruhigen Moment zerstören. Und dann wird der Himmel doch noch ziemlich schön und taucht alles in ein sanftes Licht.
In dem Totholz finde ich schließlich einen brauchbaren Wanderstock für Lucy, bevor ich zum Frühstück zurückkehre. Blaubeergrießbrei. Zumindest war das der Plan. Geworden ist es eher eine Blaubeersuppe. Ich wasche vorher noch schnell meinen Pulli aus (dumme Idee, weil den durfte ich dann den ganzen Tag nass an meinem Rucksack baumelnd rumschleppen), dann packe ich alles zusammen und starte gemütlich in Richtung Los Perros.



Es geht ziemlich viel durch Wald und ich komme recht zügig voran. Im Wald gibt es viele kleinere Flüsse und viele Brücken zu überqueren. Eine abenteuerlicher als die andere. Meine Laune ist irgendwie nicht so gut und deswegen gibt es etwas Musik auf die Ohren. So langsam könnte ich eine Pause gebrauchen. Ich halte die Augen nach einem guten Rastplatz offen. Ein Snack wäre wirklich gut, vielleicht hilft das ja auch gegen die schlechte Laune. Ich stapfe über den feuchten Waldboden, der bei jedem Schritt leicht nachgibt, in Gedanken versunken, als ich auf einmal einen komischen Geruch wahrnehme. Als erstes denke ich an Pferd, aber ich weiß wie Pferde riechen und das hier ist definitiv anders. Es riecht wie Pumakäfig. Puma?! Ich bleibe stehen. Nehme die Kopfhörer ab. Schaue mich um. Spähe durch die Bäume, auf der Suche nach irgendetwas, das sich bewegt. Eigentlich in der Hoffnung, keine Bewegung zu sehen. Okay, keine Pause. Ich gehe weiter. Zügig. Ramme meine Stöcke etwas fester in den Boden als nötig und fange an zu singen.
Es geht stetig bergauf und schon bald ergatter ich die ersten Blicke auf die Berge um mich herum. Der Wald verändert sich, wird lichter. Der Wind pfeift durch die Baumwipfel und lässt sie bedrohlich schwanken. So langsam brauche ich aber wirklich eine Pause. Ich setze mich auf den nächstbesten umgestürzten Baumstamm. Die Angst vor dem Puma ist weg.
Dafür habe ich jetzt Angst, von einem Baum erschlagen zu werden. Großartig. Die Australier der letzten Tage laufen an mir vorbei. Ich esse nur schnell einen Riegel, dann gehe ich weiter und treffe sie wenig später wieder, als sie Pause machen.
Ein kleiner Pfad zweigt ab. Klar. Sidequest accepted. Ich folge ihm und lande an einer Klippe, unter mir tost ein Fluss. Ein Wasserfall stürzt in die Tiefe, laut genug, um alles andere zu schlucken. Na wenn das mal kein guter Ort für eine Pause ist. Also warme Jacke an, noch ein Snack schadet ja auch nicht. Diesmal lasse ich mir mehr Zeit.
Zurück auf dem Trail führt der Weg kurz darauf genau über diesen Fluss, mit einer Holzbrücke. Kapazität: Eine Person. Also gut, wird schon halten. Hoffentlich.








Die Bäume werden weniger, überraschenderweise komme ich an einer Rettungstrage vorbei. Die liegt da einfach so rum. Ich beschließe, nicht darüber nachzudenken. Dann wird es steil und felsig. Und dann stockt mir der Atem: Vor mir liegt ein Gletscher. Eis, das sich langsam in einen unwirklich grünen See schiebt. Still. Massiv. Irgendwie fehl am Platz und genau deshalb perfekt. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Passenderweise treffe ich genau jetzt 2 Typen (die ich auch nur da gesehen habe komischerweise), mach ihnen Mut für die letzten Meter nach oben und dann starten wir eine Fotosession. Die beiden sind Brüder. Wir gehen weiter getrennte Wege. Kurz darauf ist ein Aussichtspunkt ausgeschrieben, also parke ich meinen Rucksack an dem Schild und marschiere den kleinen Pfad entlang. Man kann bis ans Ufer gehen.
Noch ein bisschen weiter, dann erreiche ich Los Perros nach 11,3 km und 683 hm.
Las Perros
Los Perros ist anders als die bisherigen Camps. Einfacher. Packpferde werden beladen. Duschen gibt es nur mit kaltem Wasser. Fällt also aus. Der Aufenthaltsraum ist klein, zwei Steckdosen für alle. Die Powerbank lohnt sich heute endlich mal. Ein paar einfache Lebensmittel gibt es auch hier zu kaufen. Der Platz ist begrenzt, Zelte stehen dicht an dicht zwischen den Bäumen. Der Aufenthaltsraum ist voller Menschen. Viele Einheimische, die ich bisher noch nicht getroffen habe. Ich koche abends noch zusätzliches Wasser für Lucy, wir verabreden uns um morgens gemeinsam den Pass in Angriff zu nehmen. Start: 6.00 Uhr. Ich lasse mir noch heißes Wasser für meine Flasche zum Wärmen machen, dann gehe ich schlafen. Später als geplant. Der Wind pfeift durch die Bäume, sie schwanken im Dunkeln.
Mal sehen, ob ich heute überhaupt schlafe.






Meine Packliste findest du hier!
Du brauchst mehr Infos zu den Etappen und Camps? Einen kompletten Guide habe ich dir hier zusammengeschrieben.


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