Um 4:30 klingelt mein Wecker. Und sowas nennt sich Urlaub. Stimmen und Schritte um mich herum, die ersten brechen schon auf. Unter anderem Tim mit seinem zehnjährigen Sohn. Wann sind die denn bitte aufgestanden?

Mir war viel zu warm heute Nacht, komisch, ausgerechnet hier. Schnell schlüpfe ich in meine Sachen, die ich gestern Abend bereits parat gelegt habe, dann stapfe ich durch die Dunkelheit zum Aufenthaltsraum zum frühstücken. Ich ergatter ein Paket Elektrolyte von jemandem mit Lunch-Paket und fülle es in meine Wasserflasche. Das Blau sieht nicht sehr gesund aus. Egal. Hilft bestimmt, der Tag heute wird hart. Mein Magen ist flau. Nicht vor Hunger.

Der Aufstieg

Um 5:45 stehe ich mit gepacktem Rucksack wieder am Aufenthaltsbereich und warte auf Lucy. Immer mehr kleine Gruppen sammeln sich und verschwinden in der Dunkelheit. Nach einer Weile beginne ich, nervös zu werden und frage ungefähr jeden, dem ich begegne, ob jemand sie gesehen hat. Sie wird ja wohl nicht ohne mich los sein? Meine Australier-Oldies sind auch startklar. Ich stelle fest, dass Maggie die gleiche Stirnlampe hat wie ich, sogar in derselben Farbe. Perfekt, ich habe nämlich kein Ladekabel für den Akku dabei. „Oh, we have the same headlamp“ strahle ich sie an. „I wish we had the same legs“ ist ihre Antwort darauf. Ich lache kurz, überlege, einfach mitzugehen. Stattdessen bleibe ich stehen und warte weiter auf Lucy. Irgendwann ist sie da, Rucksack noch nicht gepackt und weit entfernt von startklar. Ich bin ein bisschen genervt und helfe ihr beim Zeltabbau. Mittlerweile ist es schon 20 vor sieben. Als sie sagt, wir müssten noch auf Nair warten, ist es vorbei. „Ich gehe los.“ Alleine. An dem Tag, an dem ich auf keinen Fall alleine gehen wollte. Um 7:00 ist Trail-Closing-Time. Wer dann noch nicht unterwegs ist, darf nicht mehr hoch.

Gefühlt sind schon alle aufgebrochen und es wird bereits langsam hell. Dennoch schaffe ich es, mich auf den ersten Metern im Wald zu verirren. So ein Mist. Ich drehe mich im Kreis, gehe ein Stück zurück, entdecke schließlich eine Spur im Boden. Mein Puls hämmert schneller als der Aufstieg es rechtfertigt. Auf gar keinen Fall möchte ich die Letzte auf dem Trail sein.

Pausen gönne ich mir erstmal keine, nur einmal nehme ich kurz den Rucksack ab, um zu pinkeln, schiebe mir einen Müsliriegel in den Mund. Weiter. Das Gelände wird steiniger. Lose Geröllfelder. Ich verliere den Weg fast ein zweites Mal. Zwei Wandernde weiter unten irren komplett falsch, ich winke ihnen zu, unsicher, ob ich überhaupt richtig bin. Als ich die Baumgrenze hinter mir lasse, gibt es keinen Weg mehr. Überall Steine. Der Wind fegt mir um die Ohren, kalt und konstant. Ich setze mich hinter ein paar größere Steine, weil ich wirklich dringend eine Pause brauche und der Weg vor mir nicht danach aussieht, als würde es in der nächsten Zeit weitere Gelegenheiten dazu geben. Immerhin sehe ich jetzt wieder ein paar Menschen und mein Nervensystem beruhigt sich etwas. Meine Wasserflasche ist nur noch halb voll. Vielleicht hätte ich doch mehr Wasser einpacken sollen heute, bisher gab es noch keine Gelegenheit diese wieder aufzufüllen. Und es geht noch weiter bergauf. Viel weiter.

Nach ein paar Minuten höre ich Wasser. Ein Bach. Ich klettere über glatt geschliffenen Fels, balanciere vorsichtig, fülle meine Flasche auf. Dann beobachte ich, wie sich das frische klare Wasser mit dem komischen blauen Elektrolytezeugs in meiner Flasche vermischt. Ich trinke so viel ich kann, bis mir fast schlecht wird, dann fülle ich nochmal auf. Rucksack wieder auf und weiter berghoch kämpfen.

Der Gipfel

Neben mir sind nun immer größere Altschneefelder, aber der Weg ist frei, alles wirkt größer, offener, kälter. Und dann bin ich oben. Ich bleibe einfach stehen. Unter mir liegt der Gletscher. Still. Unwirklich. Wie ein gefrorenes Meer, das sich bis zum Horizont zieht. Blau, grau, weiß. Schichten, Risse, Linien. Spalten wie Narben. Ich versuche, das alles zu begreifen, aber mein Kopf kommt nicht hinterher. Der Wind trägt die Kälte nach oben und schlägt mir ins Gesicht. Alles fühlt sich plötzlich klein an. Auch ich.

Für einen Moment ist da nur dieses Eis.

Und dann merke ich, wie kalt mir ist. Ich versuche etwas Schutz vor dem eiskalten Wind zu finden, reiße den Rucksack auf, ziehe das verschwitzte Shirt aus, streife den Pulli über, dann die Jacke. Schlauchschal, Stirnband, Handschuhe. Meine Finger sind unbeweglich. Langsam kommt die Wärme zurück. Und dann genieße ich den Moment, bin stolz, oben angekommen zu sein. Flor ist auch hier und die Gruppe mit den Deutschen, die ich am ersten Abend getroffen habe. Mit Ihnen gehe ich ein Stück gemeinsam, weit über uns zieht ein Kondor seine einsamen Kreise. Die Herbstfarben leuchten vor dem hellen türkis des Eises. Für einen Moment fühlt sich alles leicht an.

Der Abstieg

Irgendwann trennen sich unsere Wege wieder und es geht steil bergab. Sehr steil. Vorsichtig suche ich meinen Weg nach unten, als ich die Australier wieder treffe. Ich freue mich, dass sie den harten Ansstieg gut überstanden haben. Der Boden ist trocken und sandig, mit kleinen losen Steinchen darauf. Extrem rutschig. Das sagt auch ein Holzschild, das vor dem Risiko zu stürzen warnt. Hier wachsen schon wieder Bäume und in einer steilen Kurve rutsche ich auf einmal weg. Ich lande auf meinem Hintern, abgefedert von dem großen Rucksack. Dennoch schlkage ich mir durch den Handschuh etwas die linke Hand auf. Tränen schießen mir in die Augen- Ich blinzle sie weg, bevor jemand es sieht. Die Australier kommen näher. Ich nicke ihnen zu, als wäre nichts passiert.

Eine Rangerin kommt uns entgegen, zählt die Wandernden. Wir unterhalten uns kurz. 70 Leute haben heute den Pass in Angriff genommen, ca. 20 müssten noch hinter mir sein. Wirklich nicht das Schlusslicht, ha!

Ich überquere einen größeren Bach und schöpfe neues Wasser, welches gar nicht mal so gut schmeckt. Das erste Mal, dass mir das hier passiert.

Um 13:35 erreiche ich die Guarderia y Compamento Paso. Was ich nicht wusste: bis 14:00 Uhr muss man hier durch sein, sonst muss man an der Rangerstation notzelten. Diese Regelung dient der Sicherheit, da Wetterumschwünge am Pass extrem schnell und gefährlich sind, der Abstieg Richtung Grey technisch anspruchsvoll und lang ist und Rettungen in diesem Abschnitt besonders schwierig sind. Man muss sich an der Station eintragen und die Ranger an der Guardería prüfen Uhrzeit, Wetter, Sicht, Wind und entscheiden im Zweifel konsequent gegen eine Weitergehung, selbst bei fitter Verfassung.

Da habe ich ja nochmal Glück gehabt.

Immer mehr bekannte Gesichter finden sich hier ein. Alle erschöpft aber zufrieden. Ich packe meinen Kocher auf und mache mir eine Tassensuppe. Zum Glück wusste ich, dass man hier kochen darf. Salz, Wärme, Ruhe. Mein Körper fährt langsam runter.

Lucy und Nair sind noch irgendwo da draußen. Ich hoffe, sie schaffen es rechtzeitig. Im Anschluss gibt es noch Schoki. Ich biete den Australiern und den Deutschen an, etwas warmes zu trinken zu machen, da ich weiß, dass sie ohne Kocher unterwegs sind. Alle lehnen dankend ab. Tim und sein Sohn trudeln auch ein. Wann habe ich die denn überholt?

Um 13:55 sitzt der Rucksack wieder auf meinem Rücken und ich marschiere weiter in Richtung Grey. Ich denke, das Schlimmste ist vorbei. Es ist nicht mehr ganz so steil und ich komme besser voran, freue mich gleich anzukommen und mein Zelt aufzuschlagen.

Der Weg endet abrupt an einer Felskante. Ich bleibe stehen. Vor mir geht es etwa anderthalb Meter nach unten. Kein klarer Tritt. Kein Griff. Mit Rucksack unmöglich. Kurz überlege ich, einfach stehen zu bleiben. Ich setze mich hin, taste mit den Füßen nach Halt. Nichts. Mein Puls steigt wieder. Dann werfe ich die Stöcke in den nächstbesten Busch unter mir. Ich sehe schon, wie dieser wie ein Trampolin meine Stöcke in den Abgrund katapultiert. Passiert zum Glück nicht, immerhin. Verzweifelt stehe ich nun da. Wie zur Hölle kommt man hier runter, ohne sich das Genick zu brechen? Als nächstes fliegt der Rucksack. Rumms. Und dann ist es auf einmal ganz einfach: Ich drehe mich um, mein Fuß landet in einer Felsspalte, gerade breit genug um darin halt zu finden. Ich verlagere vorsichtig mein Gewicht. Noch ein Stück. Und dann stehe ich unten. Ich atme aus. Weiter.

Das Eis mündet so langsam in den Lago Grey und ich bin wirklich zufrieden mit mir, auch ein wenig stolz. Nach 1,5 km erreiche ich eine Holztafel, auf der die Strecke abgebildet ist, wie sie öfters hier zu finden ist. Warum ist da eine Spitze nach oben? Ich will nicht mehr weiter aufsteigen. Und warum sind es noch sechs Kilometer? Ich dachte ich wäre gleich da. Meh.

Und dann ist da noch das mit den Hängebrücken. Das hatte ich etwas verdrängt. Schon aus der Ferne höre ich irgendjemanden weinen und schreien. Als ich näher komme, verstehe ich auch wieso. Eigentlich habe ich kein Problem mit Höhe, aber das ist schon eine Herausforderung. Etwa 20-25 Meter über dem Boden, 30-35 Meter lang. Die Abstände der Holzbohlen so weit auseinander, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als nach unten zu schauen. Und dazu dieser Wind, der in Richtung Gletscher fegt. Sie schwingt bei jedem Schritt. Dummerweise habe ich meine Trekkingstöcke vorher nicht zusammengemacht, so dass ich diese nun umständlich in einer Hand halte, während ich mich mit der anderen am Drahtseil festhalte. Nicht stehen bleiben. Nicht nachdenken. Ein Schritt. Noch einer. Ich zähle nicht, ich denke nicht, ich gehe einfach. Babysteps. Dann bin ich drüben. Meine Hände zittern.

Als ich dachte, jetzt wäre endlich das schlimmste an diesem Tag überstanden, stehe ich vor der nächsten Herausforderung: Der Weg geht über einen Felsen. Ich komme schon nicht vernünftig da hoch und stütze mich irgendwie auf meine Knie und versuche mich dann weiter hochzudrücken. Der „Weg“ ist hier gerade breit genug um mit einem Schuh halbwegs sicher zu stehen. Der Wind drückt Richtung Tal und dorthin geht es steil nach unten. Eine falsche Bewegung und das wars. Immerhin sind es nur ein paar Meter.

Nach der nächsten Kurve lasse ich mich ins Gestrüpp fallen. Ich bin total durch, mein Körper zittert, die Tränen kullern. Ich mache mir irgendso einen komischen Protein Drink, der gar nicht schmeckt und versuche mich zu beruhigen. Die Truppe Deutscher kommt und fragt, ob alles in Ordnung ist. Nicht wirklich, denke ich. „Geht so“, sage ich. Eine von ihnen fragt, ob ich von der Hängebrücke wusste. Ja. Sie nicht. Sie wäre nicht gegangen, hätte sie das gewusst. Es kommen noch zwei. Entsetzen in ihrem Gesicht. Sie gehen weiter. „Lasst mich nicht allein“ will ich sagen, aber ich sitze nur zusammengekauert in dem Gestrüpp.

Ich muss weiter gehen. Also gehe ich weiter und nach ein paar Metern kann ich schon wieder lachen. Die zweite Hängebrücke kommt, von hier sieht man schon nicht mehr den gesamten Gletscher. Und dann kommen die Eisberge, die im Lago Grey schwimmen. Erst finde ich es schön, dann muss ich daran denken, wie ich mit meinem Vater einen Videocall gemacht habe, als ich bei den Eisbergen in Island war. Also sitze ich wieder im Dreck und heule Rotz und Wasser. Schön so eine Wanderung.

Die dritte Hängebrücke fühlt sich schon nicht mehr so schlimm an. Oder ich bin einfach zu müde, um noch Angst zu haben. Ich finde einen Abzweig zu einem Aussichtspunkt und lasse meinen Rucksack stehen. Der Abzweig lohnt sich wirklich und gibt mir einen kleinen Stimmungs-Boost. Bei der nächsten schönen Aussicht treffe ich wieder die Deutschen, eigentlich hätten wir schon zusammen laufen können. Naja. Es geht jetzt nur noch bergab und mir kommen immer mehr Tagesausflügler entgegen. In einer bewaldeten kleinen Schlucht mache ich nochmal Pause und auf einmal stehen die ersten Schilder zum Campground, Catamaran und was weiß ich noch vor mir. Ich trotte zum Check-In, wo die Deutschen auch sitzen. Wir umarmen uns. Was war das für ein Scheißtag. Und irgendwie auch nicht.

Ich ziehe meine Schuhe aus, dicke Blasen an den Fersen und wunde Zehen. Mir wird Verbandszeug angeboten, so schlimme Blasen hat sie noch nie gesehen. Ich hatte schon schlimmere. In Sandalen baue ich mein Zelt auf, die Zelte stehen hier dicht an dich, Abspannleinen überlappen sind. Nach 11 langen Stunden für etwas mehr als 14 Kilometern bin ich sehr glücklich über eine heiße Dusche. Ich verarzte meine Füße und mache mir danach was zu essen. Der Aufenthaltsraum ist eher klein. Ich hätte auch ein Menü aus Burgern und Bier für relativ kleines Geld haben können im Restaurant, erfahre ich am nächsten Tag. Naja. Ich liege im Schlafsack und merke, wie alles langsam nachlässt. Morgen geht es weiter.

In stillem Gedenken:

Ein paar Monate später sind auf dieser Etappe fünf internationale Wandernde tödlich verunglückt. Bereits als ich die Überschrift das erste mal las, wusste ich, dass es auf diesem Stück gewesen sein muss. Patagonien ist großartig und unnachgiebig zugleich: Wind, Eis und Weite kennen keine Kompromisse. Ihre Schritte mögen hier geendet haben, doch ihre Geschichten bleiben Teil dieses Trails. Sie erinnern uns daran, diesen Weg achtsam zu gehen und jeden sicheren Schritt nicht als selbstverständlich zu nehmen.

Meine Packliste findest du hier!

Du brauchst mehr Infos zu den Etappen und Camps? Einen kompletten Guide habe ich dir hier zusammengeschrieben.

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